Gratwanderung: Kreativ oder irreführend?

Produktnamen im Lebensmittelbereich stehen überdurchschnittlich häufig in der Kritik, da einige von ihnen in den Augen von Verbraucherschützern mehr Schein als Sein verkaufen.

Jüngstes Beispiel ist der Smoothie „Möhrchenprinz“ von Innocent, der im Juli 2020 in der WDR-Sendung „Haushalts-Check“ zusammen mit weiteren Smoothies von Verbrauchern blindverkostet wurde. Dabei entzündete sich vor allem Kritik am Namen: Dieser suggeriere, dass das Getränk als Hauptzutat Möhren enthalte. Tatsächlich aber sei in einer Trinkportion nur eine fingergroße Menge verarbeitet.

Wo beginnt die Verbrauchertäuschung?

Die beiden anderen getesteten Produkte kamen in der Verbrauchersendung nicht besser weg. Auch in „Rauch Happy Day Himbeere“ und „Friya Snacking Drink Limette & Ingwer“ mache die beworbene Frucht nur einen geringen Teil des Inhalts aus. Dies sei zwar ärgerlich, aber erlaubt. Die einhellige Meinung der befragten Tester: Erlaubt hin oder her, man fühle sich vom Hersteller getäuscht.

Hersteller Innocent steht nicht zum ersten Mal in der Kritik. Auch auf dem Verbraucherportal www.lebensmittelklarheit.de beschwerten sich Kunden in den letzten Jahren immer wieder darüber, dass einzelne Produktnamen des Herstellers eine andere Zusammensetzung der Zutaten suggerieren würden. Dazu zählen u. a. „Magnificent Mango“ und „Wonderful Orange“. Doch handelt es sich wirklich um eine Verbrauchertäuschung, wenn auf der Verpackung unter dem Produktnamen – wie im Falle von „Möhrchenprinz“ – die weiteren Hauptzutaten klar und deutlich benannt werden?

Hersteller argumentiert nachvollziehbar  

Zur Kritik am Smoothie „Möhrchenprinz“ schreibt Innocent in einer vom WDR veröffentlichten Stellungnahme: „Bei unseren klassischen Smoothies wählen wir aus diesen geschmacksgebenden Zutaten üblicherweise eine sogenannte ‚Hero-Fruit‘, die auf spielerische Weise in den Namen des Produkts integriert wird und das Produkt kreativ umschreiben soll. In diesem Fall haben wir uns für die enthaltene Karotte entschieden, da diese dem Produkt einen Teil seines hauptsächlichen Geschmacks und vor allem die schöne orangene Farbe verleiht. […] Natürlich könnten wir den Saft nach jenen Früchten benennen, die mengenmäßig den größten Anteil am Smoothie ausmachen. Doch genau damit würden wir den Konsumenten irritieren. Im aktuellen Fall wäre das ein ‚Trauben & Orangen‘ Smoothie, der stark nach Mango und Karotte schmeckt.“

Gesetzgeber verhindert irreführendes Marketing

Tatsächlich ist an dieser Argumentation nichts auszusetzen, erklärt Nomen-Geschäftsführerin Sybille Kircher. Hier gehe es nicht um eine Verbrauchertäuschung, sondern um eine notwendige strategische Markenpositionierung, die nicht zuletzt auch für Vielfalt im Wettbewerb sorgt. „Solange sich ein Hersteller in den gesetzlich festgelegten Grenzen der Lebensmittelinformationsverordnung (LMIV), des Lebensmittel- und Futtermittelgesetzbuches sowie des Markenrechts bewegt, sollten alle Möglichkeiten der kreativen Produktbenennung ausgeschöpft werden.“

Markennamen werden für den Kunden gemacht

Nomen rät grundsätzlich zu originellen, merkfähigen und differenzierungsfähigen Markennamen. „Namen werden schließlich für den Kunden gemacht“, gibt Sybille Kircher zu bedenken. „Wenn dieser sich vom Namen angesprochen fühlt und das Produkt auch geschmacklich überzeugt, gibt es keinen Grund, einen guten Namen zu ändern.“ Etwas anderes sei es natürlich, wenn sich viele Verbraucher durch einen Namen getäuscht fühlten und deshalb vom Produkt Abstand nähmen. „Aber das ist bei ‚Möhrchenprinz‘ offensichtlich nicht der Fall, da das Produkt viele Fans hat. Gegen ein emotionales, glaubwürdiges Storytelling im Markennamen ist somit nichts einzuwenden. Im Gegenteil: Angesichts der Markenvielfalt erwarten Verbraucher das sogar.“

Health-Claims-Verordnung schützt Verbraucher

Anders liegt der Fall auch, so die Nomen-Chefin, wenn Produktnamen gesundheitsbezogene Aussagen treffen, die ohne Zulassung nicht gemacht werden dürfen. Ein Dauerbrenner vor Gericht ist der Begriff „Detox“, mit dessen Verwendung sich in den letzten Jahren die Gerichte immer wieder beschäftigt haben. Dabei kristallisierte sich heraus, dass „Detox“ im Zusammenhang mit Säften und Kräutertees nur dann benutzt werden darf, wenn gleichzeitig eine zugelassene gesundheitsbezogene Angabe rechtmäßig verwendet werden darf.

Allgemeine Aussagen reichen in diesem Zusammenhang nicht aus, wie ein Urteil des Landgerichts (LG) Koblenz vom 18.06.2020 feststellt. Darin wird einem Hersteller von Obst- und Gemüsesäften untersagt, auf einem Gemüsesaft mit dem Begriff „Detox“ zu werben. Dieser war zusätzlich mit einem Sternchen versehen, der zu dem Hinweis führte „mit Vitamin C, das zum Schutz der Zellen vor oxidativem Stress beiträgt“. Zwar ist diese Angabe laut Health-Claims-Verordnung zugelassen, doch laut LG Koblenz besteht kein Zusammenhang zwischen „Detox“ und dem verwendeten Claim.

Foto: innocent Alps GmbH

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